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Hidden Champions: kleine Unternehmen, grosses Potenzial

Ken Nicholson, Spezialist für europäische Nebenwerte bei Mirabaud, lüftet den Schleier über einem weitgehend unbekannten Bereich der Wirtschaft: den kleinen, innovativen und diskreten Unternehmen, die international agieren, Marktführer in Nischenmärkten sind und denen es gelingt, sich im Schatten der grossen multinationalen Unternehmen zu behaupten.

Worin zeichnen sich kleine und mittelgrosse europäische Unternehmen mit Blick auf die strategische Anlageplanung aus?

Langfristige Renditen für Anleger schafft man zweifellos am besten mit Unternehmen, deren Wertschöpfung in unterschiedlichen Wirtschaftszyklen gelingt. Europa bietet ein Universum von über 1 000 Small- und Mid-Cap-Unternehmen. Gerade dank ihrer geringen Marktkapitalisierung sind die Unternehmen konjunkturellen Schwankungen, den Indikatoren und der Marktvolatilität weniger ausgesetzt. Das macht sie zu Anlagezielen, die stabilere zugrunde liegende Erträge bieten können und deren Diversifikationsvorteile und Wertschöpfungspotenzial auch bei höherer Korrelation unter den Anlageklassen zum Tragen kommen.

Haben Sie in diesem weiten Marktbereich eine Präferenz?

Mein Herz schlägt für die Hidden Champions, ein Begriff aus der gleichnamigen Studie des deutschen Wirtschaftsprofessors Simon Hermann. Als kleine Unternehmen definieren wir solche mit einer Kapitalisierung unter vier Milliarden Euro. Die Hidden Champions zeichnen sich durch Excellence und eine Marktführerrolle in kleinen, sehr lukrativen Nischen aus, in denen nur wenige Mitbewerber tätig sind. Wir investieren nicht nur in Hidden Champions, sondern interessieren uns auch sehr für sie, weil sie stetig wachsen und eine Rendite verschiedener Provenienz bieten. Wir suchen nicht nach Unternehmen, die ihren Wert in einem Jahr verdoppeln, wir suchen solche, die Erträge in der Grössenordnung von 10% bis 15% generieren und eine hohe Stabilität aufweisen.

Was sind die Hauptmerkmale dieser heimlichen Gewinner?

Oft sind es Familienbetriebe, die jedoch in vielen Fällen eine professionelle Geschäftsführung haben, da sie seit Generationen bestehen und die gegenwärtigen Besitzer nicht unbedingt das Betriebsführungstalent ihrer Vorfahren aufweisen. Es gibt jedoch auch Fälle, in denen die Familien selber das Zepter in der Hand halten.

Was sie eint, ist ihre lange Tradition, die sehr wertvoll ist. Ich erinnere mich an eine Begegnung mit dem dänischen Unternehmen Rockwool, das Produkte für den Bausektor herstellt. Dabei erfuhr ich, dass man sie vor der Finanzkrise drängte, ihre Schulden zu erhöhen, glaubten doch viele Investoren damals, die Bilanz sei nicht «effizient», wenn sie keine ausreichend hohe Hebelwirkung nutze. Die Unternehmensleitung widerstand diesem Druck, weil sie – wie sie mir erzählten – früher schon einmal Schulden gehabt hatten und dies als unangenehm erlebten. Ich fragte sie, was sie damit sagen wollten. Sie antworteten, dass sie in den 1950er-Jahren einen Kredit bei einer deutschen Bank aufgenommen hatten und dies komplexe Folgen für ihre Firma zeitigte.

Auf die wirtschaftliche Instabilität Europas angesprochen, erwähne ich immer diese Art von Unternehmen, die jahrelang überlebt, mehrere Krisen bewältigt und aus eigenen Fehlern gelernt haben. Ausserdem haben sie es geschafft, Jahr für Jahr profitabel zu wirtschaften, weil sie auf Innovation, kontinuierliche Verbesserung, Service und Verbindlichkeit gegenüber Kunden sowie eine internationale Ausrichtung setzten.

In welchen Nischen sind die Hidden Champions hauptsächlich aktiv?

Das wirklich Interessante an den Hidden Champions ist weniger ihre Branche als die Tatsache, dass sie eine bestimmte Geschäftsführungshaltung teilen. So gibt es derzeit eine Fülle besonders interessanter Unternehmen im Maschinenbau und in der Medizintechnik, aber es gibt auch gute Ideen in vielen anderen Sektoren. Dies ist sehr wichtig, denn es erlaubt uns, ein stark diversifiziertes Portfolio mit Positionen in den verschiedensten Wirtschaftszweigen zu halten.

Und wie sieht die geografische Verteilung aus?

Der vorhin erwähnte Simon Hermann betont in seinem Text, dass heute etwa 80% der Hidden Champions in Europa zu finden sind. Daher kann Europa als auf diese Art von Unternehmen spezialisiert bezeichnet werden. Konkret operieren viele in Deutschland, vor allem mittelständische Unternehmen, aber auch in einigen Gebieten Italiens und in nordischen Ländern. Auch Spanien und Frankreich bieten gute Anlagemöglichkeiten. Es gibt Länder, wie Grossbritannien, mit höherer Konzentration von Grossunternehmen, wo Hidden Champions seltener sind, doch ganz allgemein ist Europa ein fruchtbarer Boden für diese Unternehmen.

Nebenwerte werden aber nur von sehr wenigen Fondsmanagern beobachtet...

Genau deshalb führt das fehlende Interesse an Small & Mid Caps meines Erachtens zu einem sehr ineffizienten globalen Angebot für Anleger. Das auf europäische KMU spezialisierte Team von Mirabaud wendet viel Zeit und Ressourcen für die Entdeckung solcher «heimlicher Gewinner» auf; und ich kann versichern, dass diese uns nicht einfach zufliegen, während wir uns in unserem Bürostuhl zurücklehnen.

Wir sind unterwegs, tätigen circa 400 Besuche pro Jahr. Im laufenden Jahr sind bereits über 24 Erkundungsreisen durch ganz Europa geplant, mit mehreren Besuchen bei jedem dieser Unternehmen. Und die Zahl wird gewiss noch steigen. Intern witzeln wir manchmal, dass wir, wenn es den Begriff «Industrietourismus» gäbe, ein Paradebeispiel dafür wären.

Nach welchen Kriterien nimmt Ihr Team ein Unternehmen in das Portfolio auf?

Viele Anleger interessieren sich für kurzfristige Anlagen, aktuelle Trends und durchschlagende technologische Neuerungen. Wir konzentrieren uns lieber auf Unternehmen mit eher moderatem Wachstum, aber grosser Stabilität. Unsere Priorität ist es, Anlegern eine langfristige Rendite zu bieten.

Die grösste Schwierigkeit ist es, Hidden Champions innerhalb der weiten Bandbreite der europäischen Small & Mid Caps überhaupt zu entdecken, da viele als Privatunternehmen nicht börsennotiert sind. Werden wir fündig, werten wir eine Reihe von Kriterien wie ihre Liquiditätsrisiken oder die mit ihrem Kerngeschäft verbundenen Risiken aus. Danach entscheiden wir, ob wir investieren oder nicht.

Bibliografie

Hidden Champions - Aufbruch nach Globalia. Die Erfolgsstrategien unbekannter Weltmarktführer

Das Konzept der Hidden Champions wurde vom deutschen Professor Hermann Simon eingeführt. In seinem Referenzwerk Hidden Champions – Aufbruch nach Globalia. Die Erfolgsstrategien unbekannter Weltmarktführer analysiert er nicht nur die Definitionskriterien für diesen Unternehmenstyp, sondern auch die Erkenntnisse, die man aus ihren Erfahrungen ziehen kann.

Hermann Simon, Campus Verlag, Frankfurt, 2012