Stichwort Wasser

Jean-Michel Cousteau : Ocean Futures Society

Jean-Michel Cousteau erläutert am Sitz der 1999 von ihm in Santa Barbara (Kalifornien) gegründeten gemeinnützigen Organisation Ocean Futures Society sein tägliches Engagement für den Schutz der Ozeane und der Umwelt. Diese Leidenschaft packte ihn im zarten Alter von sieben Jahren, als ihn sein Vater Jaques-Yves über Bord warf, um ihn die Faszination der Meereswelt entdecken zu lassen. Im Alter von 74 Jahren bleibt er einer der renommiertesten Botschafter der Ozeane und plant weiterhin zahllose Projekte.

JEAN-MICHEL COUSTEAU, SIE ERFORSCHEN DIE GLOBALEN OZEANE SEIT ÜBER 40 JAHREN. HABEN WIR IHRES ERACHTENS ENDLICH VERSTANDEN, WIE WICHTIG DER SCHUTZ DIESER IMMENSEN WASSERWELT, DIE 70% UNSERES PLANETEN BEDECKT, WIRKLICH IST?

Ja, absolut. Noch vor zwanzig, dreissig Jahren, als die ersten alarmierenden Berichte zum Zustand der Ozeane publiziert wurden, zeigten die Regierungen keinerlei Interesse. Leider können Fische bei politischen Wahlen nicht abstimmen. Forscher wie mein Vater standen damals in ihrem Bemühen, dieses für unseren Planeten so wichtige Thema – Ozeane bedecken immerhin 70% der Erdoberfläche – ins Zentrum zu rücken, praktisch alleine da. Heute, vierzig Jahre später, trägt das Engagement meines Vaters und weiterer Spezialisten der Unterwasserwelt Früchte. Ein Beleg hierfür ist der Erdgipfel Rio+20 vom vergangenen Juni, an welchem der Schutz der Ozeane im Draft 0 (offizieller Text zu den während des Anlasses behandelten Themen) als sechster von sieben kritischen Punkten aufgeführt wurde. Rund 20% der Gespräche der brasilianischen Regierung und der Vereinten Nationen waren dem Thema Weltmeere gewidmet.

“Wasser ist als einzigartiges Element für das Leben auf der Erde unerlässlich. Damit wir dieses auf intelligente art bewahren können, ist ein globaler Reflexionsprozess erforderlich.”

SIE WAREN AN DIESEM GIPFEL ALS EXPERTE ZUGEGEN. IST ES IHNEN GELUNGEN, IHRER BOTSCHAFT GEHÖR ZU VERSCHAFFEN?

Ja, wir haben eine umfassende Kampagne zum Schutz der Ozeane und zugunsten von Massnahmen durchgeführt, die eine ungestörte Entwicklung der Natur in diesem fragilen Ökosystem gewährleisten könnten. Die Menschen müssen verstehen, dass das Wasser einem einzigen, vernetzten und weltumspannenden System entstammt. Wenn Sie in den Schweizer Alpen Ski fahren, ist der Schnee unter Ihnen aus demselben Wasser, wie Sie es in den Weltmeeren finden – das ist ein global zusammenhängendes Gesamtsystem. Und doch haben wir die Ozeane bis vor Kurzem eher als gigantische Abfallkübel betrachtet. Das muss sich schnell ändern, zumal die Weltbevölkerung jedes Jahr um 100 Mio. Individuen zunimmt.

“Wir müssen aufhören, die Ozeane als „Niemandsland“ zu betrachten. Es kann nicht sein, dass in den internationalen Gewässern ausserhalb der Zone von 200 nautischen Meilen jeder tun und lassen kann, was ihm gerade einfällt.”

WAS TUN SIE IM RAHMEN IHRER TÄGLICHEN ARBEIT KONKRET, UM DEM RESPEKT FÜR DIE UMWELT UND DIE RESSOURCE WASSER NACHACHTUNG ZU VERSCHAFFEN?

Ich widme mich insbesondere der Aufklärung junger Generationen und versuche, die Regierungen zur Einrichtung von Ausbildungsprogrammen zu bewegen, mit denen dieser Respekt schon in jungen Jahren verankert werden kann. Aus globaler Sicht müssen wir aufhören, die Ozeane als „Niemandsland“ zu betrachten. Es kann nicht sein, dass in den internationalen Gewässern ausserhalb der Zone von 200 nautischen Meilen (370 km) jeder tun und lassen kann, was ihm gerade einfällt, insbesondere auch im Hinblick auf die industrielle Fischerei. Innerhalb von lediglich 50 Jahren sind 90% der grossen Fische verschwunden. Glücklicherweise bleiben noch 10%: Dank ihnen besteht Hoffnung, dass sich die Meeresfauna wieder erholen und wieder reicher werden kann – sofern die richtigen Massnahmen rasch ergriffen werden.

IST DIESER RÜCKGANG DER BIODIVERSITÄT IN DEN MEEREN AUSSCHLIESSLICH AUF MENSCHLICHE AKTIVITÄTEN ZURÜCKZUFÜHREN?

Ja, die verfügbaren Ressourcen werden ganz klar zu schnell ausgebeutet. Das ist nicht nachhaltig. Wir müssen die Umwelt unbedingt wie die Wirtschaft zu sehen beginnen. Sie können nicht mehr ausgeben, als Sie zur Verfügung haben, sonst geht ihr Unternehmen oder das gesamte System Konkurs. Die Ausdrücke Ökonomie und Ökologie haben übrigens eine gemeinsame griechische Wurzel, „oikos“, was „Haus“ bedeutet. Dieses Haus ist ganz einfach unsere Erde, und ich habe keinerlei Lust, umzuziehen. Doch ohne Wasser ist auf diesem Planeten kein Leben möglich.

WELCHE MASSNAHMEN SCHLAGEN SIE KONKRET VOR?

Zurzeit gehören lediglich 2% der Weltmeere zu den geschützten Zonen. Wenn wir diesen Anteil auf 20% der zurzeit nicht kontrollierten Zonen ausweiten könnten, würde sich die Lage sehr schnell verbessern. Ich habe dies mit eigenen Augen sehen können: 2005 und 2006 führte ich eine Expedition zwischen Inseln im Nordwesten Hawaiis durch, mehrere Tausend Kilometer von jeglicher menschlicher Präsenz entfernt. Und dennoch fanden wir dort Tausende Tonnen Plastikabfälle aus über 52 verschiedenen Ländern. Einige Monate später durfte ich unseren Film in Anwesenheit von US-Präsident Bush und seiner Frau im Weissen Haus zeigen. Abermals einige Monate später, am 15. Juni 2006, stellte George W. Bush die betroffene Zone unter Schutz. Seither haben Australien und Grossbritannien ähnliche Entscheidungen getroffen. Werden solche Zonen wirksam geschützt und überwacht, kann man dort eine erstaunliche Vermehrung der Tier- und Pflanzenwelt beobachten. Davon profitieren alle, selbst die Fischer, die ihre Netze in diesen Zonen nicht mehr auswerfen dürfen.

“Die verfügbaren Ressourcen werden ganz klar zu schnell ausgebeutet. Das ist nicht nachhaltig.”

WIE DAS?

Wenn sämtliche Bedingungen für eine Erholung eines Ökosystems wieder gegeben sind, erholen sich die Fischbestände mit einer derartigen Geschwindigkeit, dass Überpopulationen diese Zonen schnell verlassen müssen, um prosperieren zu können. Die Fischer bringen daher in den für die Fischerei zugelassenen Zonen wieder prall gefüllte Netze ein. Vor fünf, sechs Jahren, als wir in Kalifornien die Einrichtung neuer Schutzzonen durchsetzen konnten, protestierten die Fischer lautstark. Heute danken sie uns. Wissen Sie, ich war schon immer auf der Seite der Fischer. Ich esse selber gerne Fisch. Ich setze mich ganz einfach nur dafür ein, dass die Regelung der industriellen Fischerei in einen globalen und nachhaltigen Reflexionsprozess eingebunden wird.

SIE ENGAGIEREN SICH MIT HERZ UND SEELE DAFÜR, DASS DIE MEERE RESPEKTIERT WERDEN. ERSTRECKT SICH DIESES ENGAGEMENT AUCH AUF DEN ZUGANG ZU SAUBEREM TRINKWASSER FÜR DIE ÄRMSTEN UNSERES PLANETEN?

Natürlich, in meinen Augen ist es ein Skandal, dass im dritten Jahrtausend immer noch täglich 4 000 bis 5 000 Kinder sterben, weil sie keinen Zugang zu qualitativ unbedenklichem Wasser haben. Das darf einfach nicht sein. Wir sind auf dem Mond gelandet, also können wir dieses Problem schon morgen früh lösen. Umso mehr, als die Lösungen hierfür bereits existieren. Gewisse Unternehmen stellen beispielsweise spezielle Flaschen her, die auch noch so verschmutztes Wasser 300-mal filtern und damit trinkbar machen. Wieder andere Unternehmen fertigen Behälter für den Transport von Trinkwasser, die sich hernach für den Hausbau verwenden lassen. Es gibt viele Lösungen, die einfach und schnell umgesetzt werden können.

“Wenn sie in den Schweizer Alpen Ski fahren, ist der Schnee unter ihnen aus demselben Wasser, wie sie es in den Weltmeeren finden.”

SIND KATASTROPHEN WIE JENE IN FUKUSHIMA ODER IM GOLF VON MEXIKO WIRKLICH SO VERHEEREND FÜR DIE UMWELT? SCHON EINIGE MONATE ODER JAHRE SPÄTER SPRICHT DOCH NIEMAND MEHR DAVON.

Leider ja. Ich habe mit einem Team gesprochen, das über Fukushima sehr besorgt ist: Es hat vor Kurzem festgestellt, dass rote Thunfische, die Formel-1-Boliden der Weltmeere, die von dieser nuklearen Katastrophe betroffen waren, an der Westküste der USA angelangt sind. Sie enthalten Quecksilber und Spuren radioaktiver Elemente. Weitere Arten werden in den nächsten Monaten folgen. Was den Golf von Mexiko und die dort ausgelaufene enorme Menge an Öl betrifft, so beobachten wir einige Jahre später vermehrt Crevetten ohne Augen oder Krebse ohne Zangen. All dies hat einschneidende Konsequenzen für die Umwelt.

2009 HABEN SIE AUCH DEN FILM „CALL OF THE KILLER WHALE“ GEDREHT. DARIN ZEIGEN SIE, IN WELCHEM AUSMASS CHEMISCHE SCHADSTOFFE ZAHLREICHE MEERESLEBEWESEN, DARUNTER ORCAS, SCHÄDIGEN.

Ich finde Orcas höchst faszinierend, diese imposanten Wale, die Menschen im Wasser gleichen und in einem Matriarchatssystem organisiert sind. Der Film zeigt, dass feuerhemmende Kunststoffe, die wir praktisch überall verwenden, so etwa in Babypyjamas oder Mobiltelefonen, ihren Weg in die Ozeane gefunden haben. Ihr Gehalt ist derart hoch, dass sich gewisse sedentäre Orca-Verbände nicht mehr fortpflanzen können. Die Qualität des Spermas dieser Tiere ist stark beeinträchtigt, und es treten Schilddrüsenerkrankungen auf. Die Lage ist verheerend. Und diese Produkte schaden letztlich auch den Menschen, denn teilweise essen wir dieselben Fische!

“Im dritten Jahrtausend sterben immer noch täglich zwischen 4 000 und 5 000 Kinder, weil sie keinen Zugang zu qualitativ unbedenklichem Wasser haben.”

IHRE FILME LÖSEN BEIM PUBLIKUM OFT EINEN BEWUSSTSEINSBILDUNGSPROZESS AUS. WOVON WIRD IHR NÄCHSTER FILM HANDELN?

Ich träume davon, einen Film über die Tiefenströmungen – sozusagen die Arterien der Meere – zu realisieren. Diese Strömungen sind von der Wasserdichte und dem Druck in mehr als 300 Metern Tiefe abhängig. Sie sind für das globale Funktionieren der Ozeane und damit unseres Planeten unglaublich wichtig. Ein Freund von mir entwickelt zurzeit einen Anzug, der dieselbe Bewegungsfreiheit wie beim Tauchen mit Druckflaschen ermöglicht, den Taucher aber bis zu einer Tiefe von 300 Metern vor dem Wasserdruck schützt. Ich werde diese Ausrüstung in den nächsten Wochen testen. Sie könnte für ein derartiges Projekt von höchstem Nutzen sein.

ARBEITEN SIE NACH WIE VOR MIT IHREN KINDERN ZUSAMMEN?

Ja, meine Kinder Fabien und Céline begleiten mich bisweilen auf meinen Expeditionen. Gleichzeitig verfolgen sie aber auch ihre eigenen Projekte. Mein Sohn hat mit dem Programm „Plant a Fish“ ein weltumspannendes Unterfangen zum Schutz von Meereslebewesen lanciert. Unter anderem hat er in New York Austern wieder ausgesetzt, die das Wasser filtern und anderen Arten als Schutz oder Nahrungsquelle dienen. Meine Tochter Céline widmet sich hauptsächlich der Spezies Mensch. Sie hat im Rahmen diverser grösserer Projekte viel Zeit in Chile und anderen Ländern Lateinamerikas verbracht.

FRÜHER HAT IHR VATER AN BORD DER CALYPSO DEN GESAMTEN ERDBALL ERKUNDET. STEHT IHNEN FÜR IHRE FORSCHUNGSARBEITEN EBENFALLS EIN BOOT ZUR VERFÜGUNG?

Leider nicht, aber ich träume davon. Alle Pläne für den Bau eines Schiffs, das mit Wind- und Sonnenenergie betrieben wird, existieren bereits, aber es fehlt uns an den finanziellen Mitteln, um es zu bauen. Vor rund 50 Jahren war es viel einfacher als heute, die zur Durchführung grosser Expeditionen notwendigen Mittel zu beschaffen. Es ist tatsächlich so, dass ich viel Zeit mit der Suche nach Sponsoren und Spendern verbringe, um das Budget meiner Stiftung bestreiten zu können. Aber die Hoffnung verliere ich deshalb nicht.

Jean-Michel Cousteau

Leben für die Ozeane
Der 74-jährige Jean-Michel Cousteau, ältester Sohn das Tauchgerätpioniers Jacques-Yves Cousteau, hat im Kreis seiner Familie sein ganzes Leben mit der Erforschung der Weltmeere verbracht.

Als Forscher, Umweltschützer, Pädagoge und Filmproduzent ist es seine Mission, seine Leidenschaft und seine Besorgnis um unseren Planeten mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln einer breiten Öffentlichkeit verständlich zu machen.
Um das Werk seines Vaters fortzuführen, hat er 1999 die Nonprofit-Organisation Ocean Futures Society gegründet, die sich als „eine Stimme für die Ozeane” versteht.

Er hat über 80 Filme gedreht, für die er mehrfach mit renommierten Preisen ausgezeichnet wurde.