Konjunkturelle Schocks und niedrige Zinsen: Herausforderungen für die Schweizer Wirtschaft
In einem globalen wirtschaftlichen Umfeld, das nach wie vor von Unsicherheit und anhaltend tiefen Zinsen geprägt ist, muss sich die Schweizer Wirtschaft auf neue Gleichgewichte einstellen. Dieser am 22. Mai 2026 in Le Temps veröffentlichte Artikel analysiert die wichtigsten Herausforderungen, mit denen die Schweiz konfrontiert ist. Aus der gemeinsamen Perspektive von Marie Thibout und Laurent Neri beleuchtet er die Dynamik der Anleihemärkte, die Inflationsaussichten sowie die zentrale Rolle der Diversifizierung bei der Entwicklung solider langfristiger Anlagestrategien.
Marie Thibout & Laurent Neri
Ökonomin & Wealth Planner

In einem Umfeld, das von wirtschaftlicher Unsicherheit und anhaltend niedrigen Anleiherenditen geprägt ist, ist Diversifizierung bei Vorsorgestrategien unerlässlich. Ein Einblick mit Marie Thibout, Ökonomin, und Laurent Neri, Spezialist für Vermögensplanung bei Mirabaud, einer Genfer Privatbank, die sich kürzlich in Lausanne niedergelassen hat und deren Kernkompetenz genau diese Themen rund um Anlagen und Vorsorge sind.
Der Waffenstillstand im Nahen Osten hat eine willkommene Atempause gebracht, beseitigt jedoch nicht die Unsicherheiten hinsichtlich der weltweiten Energieversorgung. Die geopolitischen Spannungen belasten weiterhin. Vor diesem Hintergrund erscheint die Schweiz relativ widerstandsfähig. Ihr Energiemix, der weniger von Gas abhängig ist als der ihrer europäischen Nachbarn, mildert die direkten Auswirkungen der steigenden Energiepreise. Doch die indirekten Auswirkungen dürfen nicht unterschätzt werden: Aufwertung des Frankens als sicherer Hafen, Konjunkturabschwächung in Europa und erhöhter Druck auf die Exporte. Das Basisszenario bleibt ein moderates Wachstum für das Jahr 2026, doch die Risiken haben sich verschärft. Eine Kombination aus schwachem Wachstum und anhaltender Inflation, also ein stagflationäres Umfeld, kann nicht ausgeschlossen werden. Auch wenn die zu Jahresbeginn beobachtete Widerstandsfähigkeit ermutigend ist, bleibt ein Wachstum von unter 1 % im Falle anhaltender Spannungen plausibel.
Inflation unter Kontrolle, Status quo für die SNB in Sicht
Eine Rückkehr zu Negativzinsen in der Schweiz scheint nun unwahrscheinlich. Der Anstieg der Energiepreise hat den Inflationsdruck wieder angefacht, der sich bereits in den Indikatoren für das Unternehmensvertrauen und den jüngsten Daten bemerkbar macht. Dennoch bleibt die Lage unter Kontrolle. Die Inflation ist weiterhin moderat und liegt deutlich unter den 2022 beobachteten Werten, insbesondere dank des starken Frankens. Vor diesem Hintergrund behält die Schweizerische Nationalbank ihren Handlungsspielraum und dürfte eine geldpolitische Straffung nicht überstürzen. Die künftige Entwicklung wird vor allem von der Entwicklung auf dem Energiesektor abhängen.
Anleihemärkte: nachhaltig begrenzte Renditen
Weltweit ist der Anstieg der Renditen seit Jahresbeginn Teil eines Umfelds, das von Volatilität, nach oben korrigierten Inflationserwartungen und einer zurückhaltenderen Kommunikation der Zentralbanken geprägt ist. In der Schweiz fiel dieser Anstieg moderater aus als in den wichtigsten Industrieländern. Die Inflationserwartungen sind hier besser verankert und das inländische Umfeld stabiler. Die Rendite der 10-jährigen Bundesanleihe liegt somit bei rund 0,4 %. Trotz dieses Umfelds steigender Zinsen bieten inländische Anleihen weiterhin nur sehr bescheidene Renditeaussichten, die nicht ausreichen, um die Inflation langfristig abzudecken.
Vorsorge: Diversifizierung ist unerlässlich
Diese Einschränkung durch bescheidene Renditen ist im Zusammenhang mit der beruflichen Vorsorge besonders kritisch. In einem Umfeld dauerhaft niedriger Zinsen reichen Schweizer Obligationen allein nicht mehr aus, um eine ausreichende Rendite zur Finanzierung der geplanten Altersleistungen zu gewährleisten. Diese finanzielle Realität ist jedoch Teil eines grösseren Gesamtzusammenhangs. Die demografische Alterung verändert das Gleichgewicht der Rentensysteme grundlegend, übt zunehmenden Druck auf die öffentlichen Systeme aus und schränkt deren Fähigkeit ein, den künftigen Lebensstandard zu sichern. Gleichzeitig entwickeln sich die traditionellen Instrumente der Steuer- und Vorsorgeplanung weiter und werden komplexer, wodurch die Optimierungsspielräume schrumpfen. Diversifizierung wird daher zu einem zentralen Hebel. Aktien, Sachwerte sowie private und berufliche Vorsorge werden unverzichtbar, um Renditen zu generieren und langfristige Ziele zu sichern. Im weiteren Sinne kann Vorsorge nicht mehr als passiver Prozess betrachtet werden. Sie erfordert heute einen ganzheitlichen Ansatz, der Vermögensallokation, Steuerplanung und Lebenshorizont integriert. In diesem sich wandelnden Umfeld ist die Fähigkeit, diversifizierte und massgeschneiderte Lösungen zu entwickeln, ein Schlüsselfaktor, um den langfristigen vermögensrechtlichen Herausforderungen gerecht zu werden.
Marie Thibout & Laurent Neri
Ökonomin & Wealth Planner
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